Die Demonstrationen von Ost-Berlin am 7./ 8.10.'89 - Serie: 'Mit Faust und Kerze' (5)

Am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, treffen sich um 16 Uhr an der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz Jugendliche, unter ihnen zahlreiche Skinheads. Bereits Tage vorher macht in Ost-Berliner Hooligangkreisen das Gerücht die Runde, an diesem Tag die 'Bullen aufzuklatschen'. Hinzu kommt, dass an diesem Tag dort Oppositionelle gegen die Fälschungen der DDR-Kommunalwahl im vergangenen Mai protestieren wollen. Wie an jeden 7. des Monats in Ost-Berlin. 



17 Uhr – die Menschenmenge ist auf ein paar Hundert Jugendliche angewachsen – werden politische Losungen gerufen. Es gibt ein Gerangel mit zivilen Sicherheitskräften. Ein ARD-Fernsehteam filmt die Vorgänge. Im gegenüberliegenden Hochhaus entscheidet zu dieser Zeit die dort postierte Polizeieinsatzleitung, den Alexanderplatz nicht zu räumen.



Gegen 17:20 Uhr läuft die Gruppe – mittlerweile auf 3.000 Menschen angewachsen - in Richtung Palast der Republik, wo zur gleichen Zeit eine Veranstaltung mit dem als Reformer bekannten sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow statt findet. Auf der Brücke vor dem Gebäude verperrt eine Polizeikette den Demonstranten den Weg. Es kommt zu verbalen Auseinandersetzungen. In der Folge werden 20 Polizisten ausgetauscht, weil sie bespuckt und beleidigt werden, der Situation nicht mehr gewachen sind.



Auch an einer weiteren Brücke versucht versucht die Polizei, Demonstanten am Weitergehen zu hindern. Die DDR-Sicherheitskräfte befürchten, dass die aufgebrachte Menge auf das Brandenburger Tor zu marschiert. Wenig später ziehen sich die Demonstranten über die Karl-Liebknecht-Strasse in Richtung Prenzlauer Berg zurück. Als sie das Gebäude der staatlichen Nachrichtenagentur ADN passieren, treffen sie auf eine weitere Straßensperre. Hier greifen zivile Trupps der DDR-Staassicherheitsbeamte brutal zu. Es gibt Festnahmen, im DDR-Sprachgebrauch werden sie auch Zuführungen genannt. 
Die Menge der Demonstranten ist inzwischen auf 5. bis 7.000 Personen angewachsen, 
sie bewegt sich in Richtung Gethsemanekirche. Dort findet, wie in den vergangenen Tagen, eine Mahnwache und Führbittgottesdienste für die in Leipzig Verhafteten statt. 


An einer Strassenkreuzung im Prenzlauer Berg treffen sie auf eine weitere Sperrkette. Die Demonstranten durchbrechen die menschliche Barriere aus Mitgliedern der FDJ-Ordnungsgruppe und gelangen damit - nahezu unbehindert – zum damaligen Zentrum der Ost-Berliner Opposition. Im weiteren Verlauf des Abends zieht die Polizei im Prenzlauer Berg starke Kräfte zusammen, richtet dort weitere Strassensperren ein. Auch hier kommt es zu brutalen Festnahmen.

Am 8. Oktober, einem Sonntag, finden in Ost-Berlin zum Anlass des 40. Jahrestages der weitere öffentliche Straßenfeste statt. So auch am Alexanderplatz, im Zentrum der Stadt. Und nur zwei Kilometer vom Brandenburger Tor entfernt. 



Die Einsatzkräfte haben für diesen Tag aufgerüstet. Gehen sie jedoch davon aus, dass zahlreiche frustrierte Ausreiseantragsteller in Richtung Mauer marschieren wollen. Außerdem machen – wie auch schon in Dresden und Leipzig zuvor – Gerüchte die Runde, aufgebrachte Jugendliche würden Polizisten 'hängen' wollen. 


Die 2.000 Besucher der Ost-Berliner Gethsemanekirche sehen sich in dem Abendstunden vor dem Sakralbau einem großen Polizeiaufgebot gegenüber. Fast alle Zufahrtsstrassen sind abgesperrt. Friedliche Demonstranten mit brennenden Kerzen treffen auf hoch gerüstete Sicherheitskräfte, die diesmal Lastwagen mit Stahlgittern aufgefahren haben. 



An diesem Abend kommt es immer wieder zu Attacken. Einsatzkräfte werden beschimpft, mit Steinen, Flaschen und Dreck von Balkonen beworfen. Polizeikräfte dringen deshalb in Wohnungen ein. In der Nacht auf dem 9. Oktober kommt es rund um die Gethsemanekirche dann zu - teils - wahllosen Festnahmen. Frauen und Unbeteiligte werden auf Einsatzfahrzeuge geladen und in sogannte 'Zuführungspunkte' außerhalb der Stadt gebracht. Dort müssen sie sich entkleiden, stundenlang in der Kälte stehen.

Drucken

Durch die weitere Nutzung dieser Webseiten stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.